Der fünfte Beatle: Klaus Voormann

  • EIN LEBEN FÜR MUSIK UND KUNST

    Beitrag im Original erschienen im MÜNCHENSTIFT Magazin Heft Nr. 74-2015.
    Text: Monica Fauss
    Weitere Informationen zur MÜNCHENSTIFT unter www.muenchenstift.de


    Klaus Voormann war ein enger Weggefährte der Beatles und spielte Bass bei Musiklegenden wie Manfred Mann und Carly Simon. Berühmt wurde der Musiker und Grafiker auch durch die Gestaltung des Beatles-Covers „Revolver“, das das Lebensgefühl einer ganzen Generation verkörperte. Heute lebt der 77-Jährige mit seiner Familie am Starnberger See und arbeitet an einer Graphic Novel zum 50-jährigen Jubiläum des „Revolver“-Covers im nächsten Jahr.

    Sie arbeiten gerade an einer Comicgeschichte über Ihr legendäres Plattencover der Beatle-LP „Revolver“. Um was geht es da?
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    Nächstes Jahr werden es 50 Jahre, dass das Album „Revolver“ erschien. Der Comic zum Jubiläum erzählt, wie ich dazu kam, das Cover zu machen. Es beginnt mit dem ersten Anruf von John Lennon und endet mit dem Augenblick, in dem der Grammy, den ich dafür erhielt, durch ein umfallendes Regal zerteppert wurde. Dazwischen finden sich viele witzige Momente bei der Arbeit. Etwa als ich die kleinen Fotos alle auf einem Tisch zusammengestellt hatte, bei offenem Fenster wegen der Hitze. Als meine Frau Christina zur Tür hereinkam, flogen alle Schnipsel durch den Luftzug wild durcheinander. Die Geschichte wird im Stil einer Graphic Novel erzählt. Dabei knüpfe ich zwar an meinen Grafikstil an, suche aber noch nach der richtigen skizzenhaften Mischung, in der ich die Details der Geschichte darstellen kann und auch die Gedanken, die mir beim Hören der Lieder des Albums durch den Kopf gingen.

    Sie sind schon länger nicht mehr als Musiker tätig, sondern widmen sich ganz der grafischen Arbeit. Wie empfinden Sie Musikerkollegen, die noch mit über 70 auf der Bühne stehen?
    Als professioneller Bassist hörte ich 1979 auf, heute mache ich nur noch privat Musik. Das letzte Mal trat ich bei dem „Concert for George Harrison“ im Jahr 2002 öffentlich auf. Aber ich finde es völlig in Ordnung, wenn die Rolling Stones noch immer eine Show abziehen oder Ringo Starr bei einem Auftritt großen Spaß hat. Nach meinem 70. Geburtstag bin ich nochmal mit Paul McCartney, Ringo Starr, Cat Stevens, der sich heute Yusuf Islam nennt, und anderen Musikerfreunden zusammen ins Studio gegangen und produzierte „A Sideman‘s Journey“. Sie spielten alle ohne Gage, da die Einnahmen des Benefizalbums zum Teil an das „Lakota Environment & Health Project“ fließen, mit dem meine Frau Christina und ich das gleichnamige Indianer-Reservat im US-Staat South Dakota unterstützen.
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    Sind denn Musiker der Popgeneration eine Art Vorbild für Ältere, wie man anders älter werden kann als die Generationen davor?
    Auch in der klassischen Musik ist es schon immer so, dass viele Künstler bis 80 Konzerte geben. Warum den Laden mit 65 dicht machen? Das gilt nicht nur für Musiker, ich finde es insgesamt falsch, Menschen mit 65 zu pensionieren. Man müsste mit 40 eine Pause machen können, um zu leben und auch Sport zu machen, um dann ab 65 noch zehn Jahre arbeiten zu können. Das gilt allerdings nicht für Menschen, die auf dem Bau arbeiten, aber für viele andere Arbeitsbereiche. Das käme den Unternehmen zugute, denn die Jungen haben oft keine Ahnung und die Älteren mit Erfahrung werden weggeschickt.

    Sie haben selbst mit klassischer Musik begonnen, spielt sie heute noch eine Rolle in ihrem Leben
    Wir hörten zu Hause viel Klassik und redeten darüber. Oft lagen wir auf dem Boden und haben ganze Sinfonien gehört, das waren sechs oder sieben Schallplatten hintereinander. Mit acht Jahren begann ich dann Klavierunterricht zu nehmen und trat mit anderen Schülern in klassischen Konzerten auf. Doch mit dem Rock’n‘Roll und als ich die Beatles kennenlernte, wurde das alles unwichtig und ich habe es weggeschoben. Als die Stücke, die John und George komponierten, immer komplizierter wurden, war meine klassische Schulung sehr hilfreich. George hatte sich Klavierspielen beigebracht, er erarbeitete sich alles selbst und saß stundenlang an den Soli. John spielte zwar bestimmte Akkorde, er hätte sie aber nicht benennen können. Wenn wir zusammensaßen und sie etwas Neues entwickelten, konnte ich durch meinen musikalischen Hintergrund vorschlagen „versuche es doch einmal so“ und dann haben wir zusammen an den Stücken gearbeitet. Vor einigen Jahren versuchte ich mich nochmals der Klassik anzunähern: ich nahm mir die Goldberg-Variationen von Bach vor und kreierte eigene Versionen. Es war viel Arbeit, weil das Lernen nicht mehr so schnell wie früher ging. Irgendwann habe ich es aber ganz gelassen.

    Sie haben sich immer wieder Neuem geöffnet und es ausprobiert. Und tun dies noch immer. Das scheint Ihre Lebenseinstellung sehr zu bestimmen…
    Ich finde es wichtig, sich von Altem trennen zu können und sich für Neues zu öffnen. Ich kann Menschen nicht verstehen, die der Vergangenheit nachhängen – egal wie alt sie sind: Leute, die sagen, dass in der Zeit der Beatles alles viel besser war, stehen vor einer inneren Wand und sehen die Gegenwart und Zukunft nicht. Zum Glück habe ich meine Kinder, die immer mit neuen Anregungen nach Hause kommen. Das finde ich toll! Ich schaue gerne nach vorne und es macht mir auch Spaß, neue Musik zu hören!

    Was für Impulse sind das, die Sie durch Ihre Kinder bekommen?
    Über meine Tochter Ruscha stieß ich auf aktuelle Musiker wie Nicolas Jaar, Chet Faker oder CocoRosie. In der Zeit der Tanzbands wurde in Live-Acts oft die ganze Nacht durchgespielt, diese Bühnenerfahrung fehlt heutigen Musikern. Ich mag vor allem Gruppen und Musiker, die auch auf der Bühne gut sind, egal ob Rap oder andere Musikstile. So wie Nicolas Jaar, den erlebte ich mit seinem hervorragend aufbereiteten Programm in einem Konzert in Berlin. Ich erhalte aber auch bei der grafischen Arbeit von meinen Kindern neue Impulse. Vor kurzem entwickelten wir gemeinsam 20 Bilder für einen YouTube-Channel im Internet. Eigentlich erhielt meine Tochter den Auftrag und dann wurde es zu einem gemeinsamen Projekt, bei dem mein Sohn und ich assistierten. Sie hat die Portraits gemacht, ich zeichnete die Hintergründe, die Kleidung und Haare, die am schwierigsten und langwierigsten sind. Es war sagenhaft! Ich hätte nicht erwartet, dass so etwas einmal möglich ist. Wir wollen noch mehr zusammen machen, darauf freue ich mich schon!

    Test: Monica Fauss, Fotos: Maren Willkomm